Persönliche Medientipps

Regelmässig schreiben die Mitglieder des Ausleihteams einen persönlichen Buchtipp, teilweise auch Medientipp für den Unter Emmentaler. An dieser Stelle sammeln wir diese Leseempfehlungen für Sie.

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BuchTipp No 3/2020 - Diana Meyer

Das Cover zieht mich nicht auf den ersten Blick in seinenBann. Doch die Kombination der Farben ist richtig passend gewählt. Den Schreibstil finde ich gut, er ist flüssig und leicht, mankann allen Handlungen gut folgen und man fühlt sich von Beginn an als Teil der Geschichte. Jessica Park erzählt lebendig und ausführlich. Für meinen Geschmack manchmal zu überzogen, fast schon „kitschig“.

 

Zur Geschichte

Allison wird als Kind von einer Pflegefamilie zur anderen geschoben. Niemand will sie haben. Mit 16 Jahren aber wird sie von dem schwulen Simon adoptiert. Doch Allison lässt niemanden an sich ran, aus Angst, sie könnte enttäuscht und verletzt werden. Sie kapselt sich ab, meidet den Kontakt zu den anderen Studenten ihres Colleges. Einzig ihrer Freundin Steffi, ebenfalls ein ehemaliges Pflegekind, vertraut Allison. Durch Zufall wird Allison Teil eines sozialen Experiments – 180 Sekunden soll sie Augenkontakt mit einem Fremden halten - und trifft dort auf Esben, einem Social-Media Star. Beide ahnen nicht, was dieses Experiment auslöst, wie sich ihr beider Leben ändern wird. Die Schilderung der Zeitspanne, dieser 180 Sekunden, finde ich sehr gelungen und unglaublich intensiv. Man hat das Gefühl, die Zeit in Realgeschwindigkeit mit zu erleben und jede ihrer Emotionen aus erster Hand nachzuempfinden. Leider flacht nach diesem Highlight das Buch extrem ab. Gut gefallen hat mir Allison. Sie macht in diesem Buch eine enorme Entwicklung durch. Esben selber finde ich zu perfekt dargestellt. Doch wer auf romantische Liebesgeschichten steht, wird dieses Buch mögen. Mein Liebling in diesem Buch ist jedoch Simon, der Adoptivvater von Allison. Jeder einzelne von uns sollte einen Simon in seinem Leben haben…

 

Portrait

Jessica Park lebt in New Hampshire, wo sie einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringt, über Rocker-Jungs und ihre Gitarren, stark koffeinhaltige Getränke und Traumurlaube in den Tropen nachzudenken. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sieimstande ist, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, schreibt sie.

 

Buchtipp No 2/2020 - Nelly Nyffeler

Die Bagage

Monika Helfer / Verlag Hanser

 

Es ist die Zeit zu Beginn des 1. Weltkriegs. Josef und Maria Moosbrugger leben mit ihren Kindern hoch über einem Vorarlberger Bergdorf, abgeschieden, zuhinterst im Tal. Sie sind sehr arm, der Boden ist karg und im Haus gibt es weder Strom noch fliessendes Wasser. Richtig reich ist im Dorf niemand, doch die Moosbruggers sind die Bagage – die Leute mit denen niemand etwas zu tun haben will, die Randständigen. Josef ist sehr ordentlich und ausserordentlich reinlich. Mit Zitronenseife und eiskaltem Wasser wäscht er sich oft am Brunnen, um den Stallgeruch zu vertreiben. Er will nicht wie die anderen Männer riechen. Josef spricht nicht viel. Im Dorf wird gemunkelt, dass er schräge und krumme Geschäfte macht.

Maria ist atemberaubend schön. Jeder Mann begehrt sie heimlich oder offen. Den Frauen im Dorf missfällt sie. Der Neid über die unerreichbare Schönheit führt dazu, dass die Familie Moosbrugger unter strengster Beobachtung steht.

 

Als Josef in den Krieg ziehen muss, gibt er dem Bürgermeister den Auftrag, auf Maria aufzupassen. Der Bürgermeister ist jedoch die falsche Person für diese Aufgabe. Zwar versorgt er die Familie ab und zu mit Lebensmitteln, er wird jedoch gegenüber Maria zudringlich. Auf einem Markt unten im Tal begegnet Maria Georg aus Hannover. Er besucht darauf die Bagage. Maria schwärmt für diesen sonderbaren Fremden, doch sie liebt ihren Mann Josef. Als Maria schwanger ist, vermutet das ganze Dorf, dass Georg aus Hannover der Vater des heranwachsenden Kindes ist. Niemand kommt auf die Idee, dass Josef, der zweimal Heimaturlaub hatte, der Vater sein könnte. Nicht einmal Josef selbst. Als Josef nach dem Krieg heimkehrt, hat Margarete „Grete“ das Licht der Welt erblickt. Doch Josef spricht nie ein Wort mit dem Mädchen, berührt es nie und schaut es nie an.

 

Monika Helfer (geb. 1947) erzählt in diesem Roman die Geschichte ihrer Herkunft. Grete war ihre Mutter. Die grösste Herausforderung für die Autorin war, niemanden zu kränken. Erst als sonst alle Menschen der älteren Generation gestorben waren, wagte sie sich mit ihrer fast 100-jährigen Tante Kathe über die Vergangenheit zu sprechen. Geschickt hat sie dann die verschiedenen Stränge, den Strang der Wahrheit, den Strang des Ausschmückens und den Strang ihrer eigenen Erinnerung zu einem einheitlichen Ganzen verwoben. In einer schlichten Sprache zeichnet Maria Helfer ein präzises Bild davon, wie die Familie in der Krisenzeit zusammenhält und wie sich alle anstrengen, die Kriegsjahre zu überstehen. Dass dies nur mit Abstrichen gelingt, verdeutlicht die Aussage von Kathe: „Wenn ich es ganz hart ausdrücke, dann habe ich den Papa im Krieg verloren. Ich habe vorher zu ihm Papa gesagt, und nach dem Krieg habe ich zu ihm Vater gesagt.“


Buchtipp No 1/2020 - Franziska Heiniger

 Die Herrin der Lettern – Historischer Roman

Sophia Langer / Droemer Verlag

Dieser eindrückliche historische Roman handelt von der ersten

erfolgreichen Buchdruckerin Deutschlands wo sich wahre Begebenheiten und Fiktion mischen. Um 1450 wurde der Buchdruck durch Gutenberg revolutioniert. Um 1554 betreibt die Familie um Ulrich Monhardt mit Ihren Gesellen die einzige Buchdruckerei in und um Tübingen. Doch das Familienoberhaupt verstirbt völlig unerwartet. Er vermacht sein Betrieb seinem ältesten Sohn «Ulrich der Jüngere» aus erster Ehe und seiner zweiten Ehefrau Magdalena. Eine Frau als Geschäftsführerin ist in dieser Zeit nicht denkbar und Ulrich (der Jüngere) versucht mit allen Mitteln seine Stiefmutter zu verdrängen. Sie muss sich als Frau durchsetzen. Die Gesellen rebellieren teilweise ebenfalls offen gegen Magdalena als Chefin, sie muss sich vehement gegen ihren Stiefsohn wehren und den strengen Zeitplan für einen Druckauftrag der Regierung einhalten, um überhaupt die Möglichkeit zu erhalten, angehört zu werden.

 

Ich habe mit Magdalena gehofft, gebangt und wieder gehofft, dass sie nicht aufgibt. Magdalena ist eine couragierte starke Persönlichkeit, welche sich in der Männerwelt durchsetzen und ihre kleineren Kinder ernähren muss. Und sie möchte selbst die Druckerei führen. Zu dieser Zeit war es Buchdruckerwitwen doch üblicherweise nur möglich sich neu zu verheiraten oder die Druckerei zu verkaufen. Neben dem Leben von Magdalena und ihrer Entourage wird die Kunst des Buchdruckes, samt dem enormen Arbeitsaufwand, durch die Autorin spannend erläutert. Auch der verbreitete Aberglaube und die Glaubensfrage durch die Reformation spielen eine wichtige Rolle im Roman.

 

Zu Beginn dieses 523 seitigen historischen Romans ist ein Personenregister zur Orientierung zu finden, am Ende ein Nachwort mit historischen Hintergrundinformationen und einem Glossar. Sophia Langer schreibt sehr lebendig, bildhaft und fesselnd. Es gelang mir schnell mich in die damalige Zeit zu versetzten. Es ist mir jeweils schwergefallen, dass Buch beiseite zu legen. – Ich musste weiterlesen. Ich finde dies ist ein gelungenes Debüt der Autorin.