Persönliche Medientipps

Regelmässig schreiben die Mitglieder des Ausleihteams einen persönlichen Buchtipp, teilweise auch Medientipp für den Unter Emmentaler. An dieser Stelle sammeln wir diese Leseempfehlungen für Sie.

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Buchtipp No 4/2021 - Daniela Ait Salem

Zigeuner

Isabella Huser / Bilgerverlag

Anna ist noch klein, als sie 1965 beim Spielen von einem Bauern als Tschingg beschimpft wird. Sie solle dahin verschwinden wo sie herkomme. Sie versteht das nicht, sie ist doch ein Kind, ein Kind wie alle anderen. Und Huser, das konnte ja jeder hören, das war ein Schweizer Name. Zu Hause fragt sie die Mutter, was der Mann gemeint habe. Diese, eine gebürtige Italienerin erzählt ihr, wie sie nach dem Krieg, als Fabrikarbeiterin in die Schweiz kam. Bei einem Konzert den Vater kennenlernte und später heiratete. Sie erklärt ihr  weiter, dass Huser ein Jenischer Name sei und dass dies früher jeder, zumindest jeder Einheimische in der Schweiz gewusst habe.

 

Jahre später macht sich Anna daran in verschiedenen Archiven die Geschichte ihrer jenischen Vaterfamilie zu recherchieren. Sie nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte ihrer Herkunft und der Schweiz. Beginnend im Jahr 1775 mit der Geburt eines ihrer Vorfahren. Sie beschreibt das Leben seiner Familie zur damaligen Zeit, den Alltag, die bürokratischen Hürden, die es zu überwinden gab. So wollte keine Gemeinde den Fahrenden einen Heimatschein ausstellen, da sie so, auch für sie verantwortlich gewesen wären. Zur Heirat wurde jedoch ein Heimatschein vorausgesetzt. So waren sie gezwungen Orte zu suchen, wo der Pfarrer und die Gemeinde trotzdem bereit waren sie zu Trauen. Im Jahr 1840 wurde dann vom eidgenössischen Schiedsgericht beschlossen, dass ab sofort für die heimatlosen Familien der Ort als Heimatort gelte, in welchem sie geheitatet haben. Da dieser Beschluss aber nicht durchgesetzt wurde, wurden die Familien  weiterhin von einem zum anderen Ort Hin –und Her geschoben. 1859 wurde die Familie Huser, nach einer Verfügung des Schweizer Bundesrats in Magliaso im Kanton Tessin naturalisiert, obschon sie sich bis anhin grössten Teils in den Kantonen Ob- und Nidwalden aufhielten. Dies war ein grosser Erfolg, den sie sich erkämpfen mussten.

Ein weiterer Teil des Buches führt uns ins Ende der 20er Jahre.  Annas Vater, damals noch ein Kind flüchtet mit seiner Familie ins Tessin. Sie flüchten vor der Pro Juventute, die zu dieser Zeit den Jenischen die Kinder entzieht, um ihnen, wie sie sagen eine ordentliche Schulbildung zu ermöglichen. Das Paradoxe daran, viele der Kinder kommen aus jenischen Familien welche einen festen Wohnsitz haben, also ein geregeltes Leben führen. Dadurch sind sie ein einfaches Ziel. Annas Grosseltern können dank ihres Berufs (Musikanten) reisend Überleben. Entscheidend ist: sich nicht niederlassen, die Kinder nicht in die Schule schicken, sich bei keiner Gemeinde anmelden. Es ist eine makabre Umkehrung: Die Vorurteile zu erfüllen, ist die einzig mögliche Rettung.

 

Isabella Huser, Tochter einer italienischen Lehrerin und eines jenischen Musikers, ist in den 1960er Jahren in der Schweiz geboren.  Die Nachforschungen und Arbeiten an diesem Roman dauerten 10 Jahre. Heute lebt sie als Autorin und Übersetzerin in Zürich und Berlin. 


Buchtipp No 3/2021 - Diana Meyer

Julian feiert die Liebe

Jessica Love / Knesebeck Verlag

Julian und Marisol tragen heute festliche Kleidung. Hübsch zu recht gemacht von ihren Grossmüttern. Sie alle sind nämlich eingeladen. Sie feiern die Hochzeit zweier Bräute. Ein Fest  für die Liebe. Sogar der Hund Gloria ist dabei und darf mitfeiern.

Sie streuen für das Brautpaar wunderbar farbige Blütenblätter. Sie sitzen an einem festlich geschmückten Tisch und geniessen die rege Unterhaltung, horchen hier und da und sind mitten drin im Geschehen. Zusammen kriechen sie unter den Tisch, gut versteckt hinter dem blumenverzierten Tischtuch. Sie schmücken sich mit Blumenkränzen und zählen Fingerreime auf. Gloria steckt auch den Kopf unter den Tisch. Sie will herumtoben. Leise schleichen alle drei hinaus. Im Garten steht eine mächtige Trauerweide. Sie verkriechen sich unter das bodenlange Blätterwerk. “Das ist ja ein Feenschloss“, flüstert Julian. Entzückt und verzaubert spielt Julian mit den langen Zweigen, legt sich eine Schleppe und einen Umhang zurecht, fühlt sich als kleine Prinzessin. Doch, oh Schreck! Wo ist Marisol? Julian hat sich ganz in seiner eigenen Welt befunden und nicht auf Marisol geachtet. Er findet Marisol schliesslich laut tobend und raufend mit Gloria auf der nahen Wiese. Die beiden geniessen das ausgelassene Spiel. Marisol kichert und findet es wahnsinnig spassig. Da bemerken sie die schmutzigen Stellen an ihrem hübschen, festlichen Kleid. Lauter Gras- und Dreckflecken. Was nun? Was werden die anderen zu dem Missgeschick sagen? Was sollen sie tun? Marisol ist untröstlich. Doch da hat Julian eine Idee…

Die Zeichnungen sind auf braunem Papier in kräftigen, bunten Farben gemalt. Die Gesichter sind freundlich und liebevoll dargestellt. Die Geschichte selber kommt mit wenig Text aus. Manche Seiten sind sogar frei davon, da die Zeichnungen für sich sprechen. Der Geschichte kann man aber trotzdem ohne Probleme folgen und sie lässt Freiheit, um der Fantasie freien Lauf zu lassen. „Julian feiert die Liebe“  zeigt uns auf wunderbare Weise, dass Liebe, in welcher Form auch immer sie geliebt wird, gut ist. Jessica Love setzt damit ein Zeichen für die Akzeptanz, Vielfältigkeit, Toleranz und Diversität unserer Gesellschaft.


Buchtipp No 2/2021 - Nelly Nyffeler

Hurra, wir spielen ein Konzert

Marie-Luise Dingler und Jessica Marquardt / Verlag The Twiolins

Der kleine Igel und das kleine Eichhörnchen sind schon lange allerbeste Freunde. Sie lachen zusammen, trösten sich gegenseitig, schmieden Pläne und verbringen tagelang Zeit miteinander. Das besondere an ihrer Freundschaft ist jedoch, dass sie zusammen musizieren können. Der Igel spielt Geige und das Eichhörnchen Mandoline. Fast jeden Tag treffen sie sich, um ihren Instrumenten gemeinsam schöne Melodien zu entlocken. Das konzentrierte Proben von Tonleitern und Stücken lässt ihre Finger immer flinker werden. Das Zusammenspiel wird besser und genauer. Eines Tages, nach einer intensiven Musizierstunde, sagt das Eichhörnchen: „Du, Igel, wir spielen so gut zusammen. Unsere Musik klingt immer schöner. Wollen wir nicht ein Konzert geben?“ Der Igel ist anfangs noch ein bisschen unsicher, weil er befürchtet bei einem Auftritt nervös zu werden. Doch das Eichhörnchen sichert ihm Unterstützung zu. Gemeinsam versuchen sie also einen Konzertveranstalter zu finden.

 

Bei diesem Vorhaben stossen sie auf Widerstand und Ablehnung. Weil es ihnen aber so wichtig ist, dass sie die Freude an der Musik mit anderen Tieren teilen können, geben sie nicht auf. Sie entwickeln eigene Ideen und mithilfe des Optimismus und der Begeisterungsfähigkeit kommen sie ihrem Ziel immer näher. Nebst der tiefen Freundschaft und der Freude an der Musik verhelfen ihnen Mut, Durchhaltewille und Kreativität am Ende zu einem besonderen Konzerterlebnis.

 

Die Autorin des Bilderbuchs, Marie-Luise Dingler, ist Violinistin. Zusammen mit ihrem Bruder Christoph bildet sie das Violinduo „The Twiolins“. Die Geschwister haben am Anfang ihrer Tätigkeit erfahren, wie schwierig es ist, Auftrittsmöglichkeiten zu erhalten. Dank einem langen Atem und Eigeninitiative ist es ihnen gelungen in der Musikwelt Fuss zu fassen. Gemeinsam begeistern sie jetzt das Publikum auf der ganzen Welt. Im Jahr 2020 waren besonders viele Konzerte geplant. Die durch die Absagen der Veranstaltungen frei gewordene Zeit nutzte Marie-Luise Dingler mit der Verwirklichung eines Traumes. Sie schrieb ihr erstes Kinderbuch. Die Geschichte dazu spukte schon lange in ihrem Kopf herum. Der einfache Text kann vorgelesen oder nacherzählt werden und ist auch für Erstleser leicht zu bewältigen.

Die charmanten Illustrationen von Jessica Marquardt machen das Bilderbuch erst zu dem was es ist: ein Juwel. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet. Auf den wunderschönen, farbenfrohen Bildern können zauberhafte Details entdeckt werden.


Buchtipp No 1/2021 - Franziska Heiniger

Tief im Ozean

John Hare / Moritz Verlag

 

Endlich, anfangs Februar ist das zweite Bilderbuch von John Hare erschienen. Sein Erstling «Ausflug zum Mond» ist eines den fantasievollsten Büchern zum Mondlandungs-Jubiläumsjahr 2019. Zwischenzeitlich wurde dieses mit dem «Rattenfänger-Literaturpreis» ausgezeichnet.

 

Das Aktuelle heisst: Tief im Ozean. Mit einem futuristischem Tiefsee-Bus reist eine Kindergruppe hinab zum Meeresboden, dort herrscht nahezu vollkommene Finsternis. Die Taucheranzüge sind glücklicherweise mit Licht ausgestattet und die Kinder können diese faszinierende Meereswelt voller Muscheln, Seesternen und leuchtenden Kalmaren erkunden. Rauchende Vulkane und gar ein echtes Wrack gibt es zu entdecken. Ein Kind dokumentiert den Unterwasserausflug mit seinem Fotoapparat. Neugierig auf die Schatzkiste macht es einen Schritt zu viel und stürzt weiter in die Tiefe. Wann findet die Gruppe das Kind wieder? Und nähert sich da etwa ein Pilosaurus dem Kind?

 

Das Bilderbuch ist erneut textlos. Dank einer starken Bildsprache und leuchteten Farben erzählt sich die abenteuerliche Geschichte hervorragend. Gewisse Geschichtenstränge erinnern stark an «Ausflug zum Mond» und dennoch gibt es sehr vieles in der Unterwasserwelt, samt liebevollen Details, zu entdecken. Ganz klar eine persönliche Ausleihempfehlung von mir!

 

 

1976 ist John Hare in St. Charles, Missouri (USA) geboren. Er verbrachte seine Jugend in Kansas und zeichnetet bereits in seiner Kindheit viel, bis es schliesslich Grafikdesigner und Art Director wurde. Mit seiner Familie lebt John Hare in Gladstone, Missouri. Bisher sind zwei Bilderbücher von ihm erschienen.